Das 14. Fenster

  • Drucken

Der Pöllndorfer Adventkalender

Im Sommer 2003 ist für Sebastian, Nikolaus und mich (vor allem aber, glaube ich, für mich) der größte Kindheits-Traum in Erfüllung gegangen. Wir haben gemeinsam unser erstes eigenes Pferd bekommen. Sein Name war Patrekur frá Vatnselysu, ein 12-jähriger brauner Viergänger, von uns wurde er immer "Pati" genannt. Beim Mittagessen wurde immer verhandelt, wer sich heute um Pati kümmern durfte und da setzte sich eines der Geschwister fast immer durch: Das war ich. Nikolaus und Sebastian haben dann nach einer Zeit eigene Pferde bekommen und so wurde Pati der Begleiter meiner gesamten Kindheit.

Das erste gemeinsame Foto, welches ich gefunden habe (September 2003)

Nachdem er so gut auf mich aufgepasst hat, konnte ich innerhalb kürzester Zeit alles machen, was das Reiter-Herz einer 4-jährigen so begehrt. Vom Voltigieren zum frei reiten... Ich kann mich noch heute an meinen ersten Galopp im Gelände erinnern, als wäre es gestern gewesen. Papa auf Fjölnir und ich auf meinem Pati und so sind wir den so genannten "Bichler Berg" gemeinsam hinauf galoppiert - ein unvergessliches Erlebnis.


Wir waren außerdem auf zahlreichen Wanderritten in Slowenien, dem Mühl- und Waldviertel, bei denen ich hin und wieder, wenn der Ritt schon zu lange gedauert hat, auf ihm im Schritt eingeschlafen bin. Aber auch dabei hat er immer so gut auf mich aufgepasst...
Regelmäßig übten wir gemeinsam verschiedene Zirkuslektionen vom Boden oder geritten. Sehr gerne erinnere ich mich da an die "Rolle", das Wippen und das Besteigen des Podests zurück. Das absolute Highlight war es, wenn wir im Winter bei genügend Schnee den Schlitten an ihn angehängt haben und mit ihm gemeinsam auf der Ovalbahn gefahren sind...
Außerdem habe ich ihm täglich gefühlt zehn Mal die Hufe ausgekratzt, weil ich das so gerne gemacht habe (Ich glaube, dass ich es dewegen heute nicht mehr so oft mache, weil ich es ja damals eh so intensiv praktiziert habe  und das Kontingent somit schon ausgeschöpft ist Zwinkernd).


Er war der Star meiner Kindergeburtstagsfeiern und hat mich sogar im Fasching, wie ich als Pippi Langstrumpf verkleidet war, aus dem Kindergarten abgeholt, auch wenn er sich als Brauner nur bedingt als "Kleiner Onkel" verkleiden konnte.

Selten aber doch bin ich von ihm herunter gefallen. Das gehört zum Reiten einfach dazu. An einen Absturz kann ich mich noch recht gut erinnern. Wir sind eine Wendung getrabt und wir sollten -laut Mamas Anweisung - rechts abbiegen. Pati hat sich daran gehalten, aber ich habe die Seiten vertauscht und bin runtergerutscht, weil ich mich wohl etwas zu deutlich nach links gedreht habe. Er hatte ja recht vollkommen recht. So bin ich gleich wieder aufgestiegen und habe weiter geübt...

Durch so ziemlich alle Abzeichen, die es gibt, hat Pati mich mit Bravour durchgetragen: Angefangen beim Isi-Rider I bis zum silbernen Islandpferdereitzertifikat.
2006 war ich dann endlich alt genug, um Turniere starten zu dürfen und da hat er wohl den Grundstein für meine heutige Leidenschaft gelegt. Bei meinem allerersten Auswärtsturnier in St. Radegund bin ich als ersten Bewerb einen Freestyle geritten und Mama durfte mir ausnahmsweise die Lektionen ansagen, weil ich noch so jung war. Ich war schon am Ende angelangt und sollte nur noch eine Wendung reiten, Mama hat aber nicht erwähnt, wo rechts und links ist und so bin ich in die falsche Richtung abgebogen (diesmal aber Gott sei Dank ohne Absturz Lachend). Kurzerhand ist einer der Richter ins Viereck gekommen und hat mich wieder auf die richtige Route zurück gebracht und ich durfte die Prüfung fertig reiten. Darauf folgten unzählige weitere Turnierstarts mit einigen österreichischen und niederösterreichischen Meistertiteln. 

Niederösterreichische Meisterschaft in Stratzing 2006

Leider hat Pati relativ früh verschiedenste Probleme mit dem Bewegungsapperat bekommen und hat somit viel Zeit in Kliniken verbracht, bis wir ihn vor circa 10 Jahren entgültig in Pension schicken mussten. Ein sehr harter Schritt für mich. Diese Zeit hat er mit den Zuchtstuten oder den Jungpferden gelebt und hat es sichtlich genossen. Ich glaube, er war davon überzeugt, dass er der Vater der Fohlen ist und diesen Gedanken habe ich ihm absolut vergönnt. Er war stets gut gelaunt, auch wenn er in den letzten Jahren nicht mehr besonders ansehnlich war, weil er sehr stark gealtert ist.

Am Samstag hat Pati die Kraft verlassen und er ist ohne Schmerzen mit 30 Jahren friedlich eingeschlafen. Neben der großen Trauer, dass er von uns gegangen ist, ist da eine tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit für die vielen unvergesslichen Momente, von welchen ich Euch von ein paar Wenigen erzählt habe. Die Liste wäre noch viel läner. Dankbarkeit dafür, dass er mein bester Freund war und immer so gut auf mich aufgepasst hat. Dankbarkeit dafür, dass er meine Kindheit so maßgeblich geprägt hat und sie zu einem reinsten Paradies gemacht hat. Dankbarkeit, dass er mein größter Lehrmeister war und ich ohne ihn nicht die Reiterin wäre, dich ich heute bin.


Mir ist vollkommen bewusst, dass ich unglaubliches Glück hatte auf einem Pferdehof aufzuwachsen und so früh schon ein Pferd zu bekommen. Dass es ausgerechnet Pati war, der mir so viel Freude schenkte, ist noch einmal eine unvorstellbare Draufgabe.

Danke Pati,  für unsere gemeinsamen 17 Jahre voller Freude, ich werde dich sehr vermissen, aber nie vergessen!
Johanna